Wenn mich jemand fragt, was der größte Vulkan der Welt ist, muss ich erstmal gegenfragen: Meinst du den höchsten, den massereichsten oder den aktivsten? Denn die Antworten auf diese Frage führen an komplett verschiedene Orte. Und genau das macht das Thema so faszinierend.
Ich beschäftige mich seit Jahren mit Vulkanologie – nicht als Wissenschaftler, sondern als neugieriger Blogger, der vor Ort war und die Zahlen hinter den Mythen nachgerechnet hat. Und ich kann Ihnen sagen: Die meisten Listen, die im Internet kursieren, vermischen Äpfel mit Birnen. Manche messen die Höhe über dem Meeresspiegel, andere das Volumen, wieder andere die Fläche. Das Ergebnis ist ein ziemliches Durcheinander. Lassen Sie uns das heute auflösen.
Wichtige Erkenntnisse
- Der größte Vulkan der Welt nach Volumen ist das Tamu-Massiv im Pazifik – ein Unterwasserriese mit rund 2,5 Millionen Kubikkilometern Gestein.
- Der größte aktive Vulkan ist der Mauna Loa auf Hawaii – vom Meeresboden bis zum Gipfel über 9.000 Meter hoch.
- Der höchste Vulkan über dem Meeresspiegel ist der Nevado Ojos del Salado mit 6.893 Metern – aber der ist volumenmäßig ein Zwerg gegen die Schildvulkane.
- Das Tamu-Massiv ist mit 130–145 Millionen Jahren enorm alt – die hawaiianischen Vulkane sind dagegen geradezu jung.
- Die Messung von Vulkanvolumen ist Wissenschaft mit Unsicherheiten – besonders unter Wasser.
Was bedeutet „größter Vulkan der Welt“ eigentlich?
Das ist die Kernfrage, und die Antwort hängt komplett von der Messlatte ab. Sprechen wir über Höhe über dem Meeresspiegel, gewinnt der Nevado Ojos del Salado an der chilenisch-argentinischen Grenze mit 6.893 Metern. Sprechen wir über Volumen, sieht die Sache völlig anders aus – denn dann tauchen wir ab in den Pazifik.
Die meisten Menschen denken bei Vulkanen an den Fuji oder den Ätna: einen hübschen Kegel, der aus der Landschaft ragt. Aber die größten Vulkane der Erde sind keine Kegel. Es sind Schildvulkane – flache, breite Riesen, deren Hänge nur wenige Grad geneigt sind und die über Jahrmillionen durch zahllose Lavaströme gewachsen sind. Man erkennt sie kaum als Vulkane, wenn man direkt davorsteht.
Die zwei Messmethoden, die alles entscheiden
Es gibt im Wesentlichen zwei Wege, einen Vulkan zu vermessen:
- Höhe: Die vertikale Distanz vom Fuß bis zum Gipfel – entweder über dem Meeresspiegel oder vom Meeresboden aus.
- Volumen: Der gesamte Rauminhalt des Vulkankörpers – das ist die ehrlichste Messung, denn sie berücksichtigt die tatsächliche Masse.
Und dann gibt es noch die Fläche, die ein Vulkan bedeckt. Das Tamu-Massiv erstreckt sich über rund 300.000 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Deutschland hat etwa 357.000 Quadratkilometer. Dieser eine Vulkan bedeckt also fast die Fläche der Bundesrepublik.
Das Tamu-Massiv: Der Unterwasserriese, den kaum jemand kennt
Das Tamu-Massiv liegt im Pazifischen Ozean, östlich von Japan, auf der sogenannten Shatsky-Rücken. Es ist ein uralter Schildvulkan, dessen Entstehung auf 130 bis 145 Millionen Jahre zurückgeht. Und es ist mit einem geschätzten Volumen von rund 2,5 Millionen Kubikkilometern der flächen- und volumenmäßig größte bekannte Vulkan der Erde.
Ehrlich gesagt, ich hatte selbst lange keine Ahnung von diesem Giganten. Die meisten Vulkan-Listen, die ich als Blogger anfangs durchgearbeitet habe, haben ihn schlicht weggelassen – weil er unter Wasser liegt und kein hübsches Foto bietet.
Warum das Tamu-Massiv wissenschaftlich umstritten ist
Hier wird es interessant. Denn nicht alle Forschenden sind sich einig, dass das Tamu-Massiv überhaupt ein einzelner Vulkan ist. Die Debatte dreht sich darum, ob es sich um einen einzigen, gigantischen Eruptionskörper handelt oder um ein System aus mehreren, eng beieinanderliegenden Vulkanbauten. Diese Unsicherheit ist typisch für die Unterwasser-Vulkanologie – man kann eben nicht einfach hinfahren und die Struktur von außen betrachten.
Ich habe mich durch die Fachliteratur gearbeitet, und die Messmethoden sind faszinierend: Mithilfe von Bathymetrie (Sonar-Vermessung des Meeresbodens) und Gravimetrie (Messung von Schwerkraftanomalien) versuchen Wissenschaftler, das Volumen unter der Sedimentschicht zu rekonstruieren. Das Ergebnis: eine Schätzung mit beachtlichen Unsicherheiten. Aber selbst wenn man die konservativsten Zahlen nimmt, bleibt das Tamu-Massiv ein absoluter Brocken.
Puhahonu: Der zweitgrößte Vulkan der Welt
Weniger bekannt, aber ebenso beeindruckend: der Puhahonu, ein Schildvulkan im Pazifischen Ozean im Papahānaumokuākea-Schutzgebiet bei Hawaii. Sein Volumen wird auf etwa 150.000 Kubikkilometer geschätzt – das macht ihn zum zweitgrößten Vulkan der Erde.
Was mich an dieser Zahl fasziniert: Der Abstand zwischen Platz 1 und Platz 2 ist gigantisch. Das Tamu-Massiv ist mehr als 16-mal so voluminös wie der Puhahonu. Die Natur hat da offenbar ein einziges Mal eine Superlative geschaffen, die ihresgleichen sucht.
Mauna Loa: Der größte aktive Vulkan der Erde
Jetzt kommen wir zu dem Vulkan, den die meisten mit „größter Vulkan der Welt“ verbinden – und das zu Recht, wenn man den Fokus auf aktive Vulkane legt. Der Mauna Loa auf der Hauptinsel von Hawaii hat ein Volumen von rund 75.000 Kubikkilometern. Das ist zwar deutlich weniger als Tamu und Puhahonu, aber immer noch gewaltig.
Seine Höhe vom Meeresboden bis zum Gipfel beträgt über 9.000 Meter – das übertrifft den Mount Everest, dessen Gipfelhöhe über dem Meeresspiegel zwar höher liegt, der aber von seinem Fuß im Meeresspiegelbereich aus gemessen „nur“ etwa 4.000 bis 5.000 Meter aufragt. Der Mauna Loa ist also, vom Fundament her betrachtet, der höchste Berg der Welt – auch wenn die meisten ihn nicht so wahrnehmen, weil zwei Drittel seiner Masse unter Wasser liegen.
Zuletzt ist der Mauna Loa im November und Dezember 2022 ausgebrochen. Die Lava floss – wie schon bei früheren Eruptionen – über den Nordost-Rift, ohne größere Schäden an Infrastruktur zu verursachen. Wer auf Hawaii lebt, weiß: Der Mauna Loa ist nicht die größte unmittelbare Gefahr. Das ist der Kilauea, sein kleinerer, aber deutlich unruhigerer Nachbar.
Die größten Vulkane im Vergleich
Hier habe ich eine Übersicht zusammengestellt, die die wichtigsten Kandidaten nach unterschiedlichen Kriterien zeigt:
| Vulkan | Volumen (km³) | Status | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Tamu-Massiv | ca. 2.500.000 | erloschen (vor 130–145 Mio. Jahren aktiv) | Größter Vulkan der Erde nach Volumen und Fläche, liegt komplett unter Wasser |
| Puhahonu | ca. 150.000 | unbekannt | Zweitgrößter Vulkan nach Volumen, Hawaii-Region |
| Mauna Loa | ca. 75.000 | aktiv (zuletzt Nov.–Dez. 2022) | Größter aktiver Vulkan, vom Meeresboden über 9.000 m hoch |
Und wenn Sie sich jetzt fragen, warum der Yellowstonesupervulkan nicht auf dieser Liste steht: Der ist zwar flächenmäßig eine riesige Caldera, aber sein Volumen ist deutlich kleiner als das der pazifischen Schildvulkane. Yellowstone ist aus einem anderen Grund legendär – wegen seiner explosiven Vergangenheit, nicht wegen seiner Masse.
Die größten Vulkanausbrüche der Geschichte
Wenn wir über „größte Vulkane“ sprechen, müssen wir auch über die größten Eruptionen sprechen. Hier kommt der Vulkanexplosivitätsindex (VEI) ins Spiel – eine Skala von 0 bis 8, die die Menge des ausgestoßenen Materials misst.
Der Ausbruch des Tambora im Jahr 1815 in Indonesien erreichte VEI 7 und schleuderte so viel Asche in die Atmosphäre, dass 1816 als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte einging. Noch gewaltiger war der Mount-Toba-Ausbruch vor etwa 74.000 Jahren – ebenfalls VEI 8, die höchste Stufe überhaupt. Solche Eruptionen können das globale Klima über Jahre verändern.
Interessant ist, dass die größten Vulkane der Welt – die Schildvulkane wie Mauna Loa – nicht zu den explosivsten gehören. Sie produzieren relativ dünnflüssige Lava, die ruhig ausfließt und sich über weite Flächen verteilt. Die explosivsten Vulkane sind dagegen oft klein und unscheinbar – bis sie explodieren. Das ist eine der großen Ironien der Vulkanologie, die ich bei meinen Recherchen immer wieder feststelle.
Wie misst man eigentlich das Volumen eines Vulkans?
Das ist eine Frage, die ich mir lange gestellt habe – bis ich verstanden habe, wie aufwendig das Verfahren ist. Bei Vulkanen an Land kann man die Form relativ gut durch topografische Vermessung und Radarinterferometrie erfassen. Unter Wasser wird es komplizierter:
- Bathymetrie: Schiffe senden Sonarsignale zum Meeresboden und messen die Laufzeit – so entsteht ein detailliertes Relief.
- Gravimetrie: Die Messung der lokalen Schwerkraft verrät, wie viel dichtes Gestein unter der Oberfläche steckt.
- Seismik: Künstlich erzeugte Schallwellen werden durch den Untergrund geschickt und geben Aufschluss über die Gesteinsschichten.
Alle drei Methoden haben Unsicherheiten – und deshalb sind die Volumenangaben für Unterwasservulkane wie das Tamu-Massiv mit Vorsicht zu genießen. Die Wissenschaftler geben in Fachpublikationen oft eine Spanne an, nicht einen exakten Wert. In den Medien und auf Websites geht das dann gerne verloren.
Warum Hawaii für Vulkanrekorde so besonders ist
Wenn man sich die Liste der größten Vulkane anschaut, fällt auf: Hawaii spielt eine überragende Rolle. Das hat einen geologischen Grund. Hawaii liegt über einem Hotspot – einem stationären Aufstrom von heißem Mantelmaterial, der die pazifische Platte durchschlägt. Die Platte bewegt sich langsam über diesen Hotspot, und dabei entsteht eine Kette von Vulkanen.
Der Mauna Loa ist der größte dieser Vulkane, aber nicht der einzige. Sein Nachbar Mauna Kea ist vom Meeresboden aus sogar noch höher – über 10.000 Meter. Allerdings ist Mauna Kea inaktiv, und sein Volumen ist kleiner als das des Mauna Loa. Und dann gibt es noch unzählige erloschene Vulkane, die durch die Plattenbewegung vom Hotspot weggetragen wurden und inzwischen als unterseeische Berge unter dem Meeresspiegel verschwunden sind.
Bei einer meiner Recherchen habe ich mich gefragt, ob der Hotspot nicht irgendwann einen Vulkan produzieren könnte, der das Tamu-Massiv übertrifft. Die Antwort der Geologen: unwahrscheinlich. Die hawaiianischen Vulkane wachsen zwar beeindruckend schnell – der Mauna Loa hat sein Volumen in etwa 700.000 Jahren aufgebaut –, aber das Tamu-Massiv hatte 130 bis 145 Millionen Jahre Zeit. Und in der Zeit entstehen eben Größenordnungen, die wir uns kaum vorstellen können.
Was ist also der größte Vulkan der Welt?
Die Antwort auf die Titelfrage hängt von der Perspektive ab – aber wenn man nach Volumen und Masse geht, ist die Sache klar: Das Tamu-Massiv ist der größte Vulkan der Welt. Ein Unterwasserriese im Pazifik, der in seiner Blütezeit vor über 100 Millionen Jahren ganze Kontinentalflächen mit Lava überzogen hat.
Aber ich verstehe, warum die meisten Menschen lieber den Mauna Loa als Antwort hören. Der ist sichtbar, er ist aktiv, und er ist beeindruckend. Vom Meeresboden bis zum Gipfel über 9.000 Meter – das ist eine Zahl, die man sich merken kann. Der Tamu-Massiv ist dagegen unsichtbar, erloschen und kaum erforscht. So unterschiedlich sind die Superlative unserer Erde: Der Größte ist gleichzeitig der Unbekannteste.
Was ich aus all den Jahren der Recherche mitnehme, ist die Demut vor diesen Zahlen. Ob 2,5 Millionen Kubikkilometer Gestein oder 75.000 – unser menschliches Maß ist dafür einfach nicht gemacht. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum uns Vulkane so faszinieren. Sie erinnern uns daran, wie klein unser Maßstab ist.